Ich denke oft daran.
Es ist etwa zehn Jahre her, als ich in Winterthur das erste und einzige Mal so richtig Angst hatte, dass mir gleich Gewalt oder eine Vergewaltigung angetan werden könnte. Schon das so klar zu sagen, macht mir ein mulmiges Gefühl und kostet Überwindung. Ich will es nicht ganz wahrhaben, dass es darauf hätte hinauslaufen können. Dann wird mir die Gefahr nämlich noch viel bewusster.
Ich war auf dem Heimweg vom Ausgang, irgendwann gegen vier oder fünf Uhr morgens. Es war noch dunkel. Ich war betrunken und habe deshalb mein Velo geschoben. Wäre ich gefahren, wäre ich wohl gar nicht in diese Situation gekommen. Andererseits hat mir das Velo dann auch geholfen.
Als ich über eine Kreuzung ging, stand auf der anderen Seite ein Mann. Vielleicht etwas jünger als ich, vermutlich auch betrunken. Er sprach mich direkt an, fragte, ob ich schon nach Hause gehe, ich solle doch noch etwas mit ihm trinken gehen und mitkommen. Dabei kam er mir immer näher, obwohl ich weiterlief und immer wieder sagte, dass ich nicht mit ihm reden will, meine Ruhe will und er gehen soll. Er lief einige Meter neben mir her und redete auf mich ein. Kein Mensch weit und breit auf der Kreuzung. Zuerst war er mir einfach lästig, aber ein bisschen Angst hatte ich schon.
Nie mehr alleine
Dann stellte er sich mir in den Weg, direkt vor mein Velo. Ich war nicht besonders schnell und etwas wacklig unterwegs, weil ich betrunken war. Er nahm das Vorderrad meines Velos zwischen seine Beine, um es zu blockieren. In dem Moment dachte ich wirklich, der lässt mich hier nicht gehen, der wird vielleicht handgreiflich und will mich überwältigen. So fest hielt er das Vorderrad dann aber doch nicht. Ich konnte ihn abschütteln. Vielleicht habe ich das Velo auch etwas angehoben, in Richtung seiner Genitalien. Das war für ihn wohl unangenehm. In dem Moment hat mir das Velo geholfen.
Ganz nüchtern war ich nach dem Schreck nicht, aber ich bin dann trotzdem mit dem Velo davongefahren.
Seitdem fahre ich nachts nur noch mit dem Velo nach Hause oder schaue, dass ich nicht allein unterwegs bin. Und ich trinke nicht mehr so viel, dass ich nicht mehr fahren könnte. Wenn ich über diese Kreuzung gehe, denke ich oft daran. Egal ob tagsüber oder nachts. An diese Minuten und an die Angst, mich so bedrängt und eingeengt zu fühlen und nicht wegzukommen. Das ist schrecklich. Das würde ich gern loswerden.