Ich war neun oder zehn Jahre alt, als es passierte. Eine ganz normale Busfahrt von der Stadt zurück nach Oberwinterthur – nichts Besonderes eigentlich. Es war schon Abend, der Bus voll mit Menschen.

Ich stand eingequetscht zwischen den anderen Fahrgästen, als ich merkte, dass sich ein Mann besonders nah an mich drängte. Zu nah. Die Art, wie er sich an mich presste, war anders als das normale Gedränge in einem vollen Bus. Ich spürte seinen Atem, hörte ihn schwer atmen, sein Kopf über meinem. Mein Körper erstarrte. Ich spürte seine Erektion an meinem Rücken. Was genau das zu bedeuten hatte, verstand ich nicht, aber ich wusste, es war nicht gut.

Sollte ich etwas sagen? Mich bewegen? Aber ich konnte nicht. Die Angst lähmte mich. Ich fühlte mich gefangen. Die Minuten bis zu meiner Haltestelle zogen sich endlos hin.

Als der Bus endlich an meiner Station hielt, wartete ich bis zur allerletzten Sekunde. Dann sprang ich regelrecht hinaus, als würde ich vor etwas davonlaufen – was ja auch stimmte. Ich rannte den ganzen Weg nach Hause.

Zuhause angekommen, sagte ich nichts. Kein Wort zu niemandem. Ich wusste nicht wie. Ich schämte mich, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Ich hatte das Gefühl, dass es irgendwie meine Schuld war, auch wenn das keinen Sinn ergab.

Seitdem tue ich einiges, um abends nicht mehr Bus fahren zu müssen. Zwanzig Jahre später bin ich dreissig, und die Erinnerung ist immer noch da. Manchmal frage ich mich, wie viele andere Kinder dasselbe erlebt haben. Wie viele von uns geschwiegen haben.