Chills mal, Schlampe.
23.30 Uhr. Diese Uhrzeit, in der in der Bahnhofsunterführung immer noch viel los ist und sie doch unheimlich wirkt. Eine Lampe flackerte, und ich dachte kurz daran, wie oft ich denselben Weg gehe – und wie anders er sich anfühlt, wenn ich nachts allein unterwegs bin.
Schon ein paar Meter vor der Treppe hörte ich Stimmen. Laut, jung, überdreht. Ich spürte, wie sich meine Schultern anspannten, bevor ich die Gruppe überhaupt sah. Fünf oder sechs Jungs standen verteilt in der Unterführung. Zwei warfen sich einen kleinen Ball zu, der mit einem dumpfen Knall gegen die Wand klatschte.
Ich richtete meinen Schal und tat so, als wäre alles normal. Einfach durchgehen. Nicht zeigen, dass ich unsicher bin. Als ich näher kam, wurden die Stimmen leiser. Dieses kurze Schweigen war fast körperlich – ein Vakuum, in dem mein Herz plötzlich viel zu laut schlug.
«Gehst du heim, ganz allein?»
«He, schöne Haare», rief einer. Ein Pfiff folgte, lang gezogen. «Gehst du heim, ganz allein?», fragte ein anderer, der sich minimal in meine Laufbahn stellte. Nicht komplett im Weg, aber genug, dass ich ausweichen musste.
Ich wäre am liebsten gerannt. Aber rennen hätte Angst gezeigt. Das wollte ich nicht. Wäre das nicht noch gefährlicher? Das typische Opfer?
Also hob ich das Kinn ein wenig, so wie meine beste Freundin es mir einmal geraten hatte. Nicht herausfordernd – nur genug, damit ich mich selbst ein bisschen grösser fühlte. Kein Lächeln, kein schnellerer Schritt. «Voll die Business-Lady, hats nicht nötig», kommentierte einer. Ein anderer leise: «Chills mal, Schlampe.» Ich reagierte nicht.
Die letzten Meter durch die Unterführung und die Schritte die Treppe hoch waren die längsten. Oben am Bahnhofsplatz wurde mein Gang ruhiger. Menschen liefen vorbei, Busse fuhren ein, nichts passiert.