Forensic Nurses
Seit April 2024 können Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt im Kanton Zürich auf einen neuartigen Dienst zurückgreifen: den «Aufsuchenden Dienst Forensic Nurses». Diese speziell ausgebildeten Pflegefachpersonen stehen rund um die Uhr zur Verfügung – 365 Tage im Jahr, kostenlos und ohne dass zwingend eine Polizeianzeige erstattet werden muss.
Was leisten Forensic Nurses?
Forensic Nurses sind am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich angesiedelt und rücken zu allen Notfallstationen der Spitäler im Kanton Zürich aus. Ihre Hauptaufgaben umfassen:
- Spurensicherung: Sie dokumentieren gerichtsverwertbare Beweise wie DNA-Abstriche und toxikologische Proben
- Verletzungsdokumentation: Fotografische und schriftliche Erfassung aller Verletzungen
- Beratung: Information über Rechte und Möglichkeiten der Betroffenen
- Vernetzung: Vermittlung an Opferhilfe-Beratungsstellen und Schutzunterkünfte
- Weiterbildung: Sensibilisierung des medizinischen Personals in Spitälern
Der Dienst ist unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 09 09 09 erreichbar.
Winterthur als wichtiger Standort
Das Kantonsspital Winterthur gehört zu den Hauptanlaufstellen des Systems. Neben dem Universitätsspital Zürich, dem Stadtspital Zürich Triemli und dem Universitäts-Kinderspital Zürich werden die meisten Fälle in den Krisenzentren dieser vier Einrichtungen behandelt. Bereits seit 2015 haben Pflegefachpersonen wie Sarah Bressan vom Kantonsspital Winterthur die Ausbildung zur Forensic Nurse absolviert und leisten heute Pionierarbeit in diesem Bereich.
Erfolge nach einem Jahr
Die Zwischenbilanz nach dem ersten Betriebsjahr (April 2024 bis April 2025) zeigt eindrückliche Zahlen:
- Rund 200 Opfer wurden untersucht und Spuren gesichert
- Etwa 170 telefonische Beratungen wurden durchgeführt
- Die Hälfte der Fälle betraf Sexualdelikte, die andere Hälfte häusliche Gewalt
- Die Mehrheit der Opfer war weiblich und zwischen 16 und 35 Jahre alt
- 21 Opfer reichten nachträglich eine Strafanzeige ein
Besonders bemerkenswert: In den 13 Jahren vor Einführung des Dienstes, als die Spurensicherung durch Spitalpersonal erfolgte, gab es nur eine einzige nachträgliche Anzeige.
Hintergrund: Die Istanbul-Konvention
Der Dienst wurde als Reaktion auf die Anforderungen der Istanbul-Konvention geschaffen, die die Schweiz 2018 ratifiziert hat. Eine Arbeitsgruppe empfahl den Einsatz spezialisierter Fachkräfte für die forensische Spurensicherung. Bis März 2024 fand eine forensische Untersuchung nur statt, wenn Opfer die Polizei hinzuzogen – eine Hürde, die viele Betroffene von einer professionellen Spurensicherung abhielt.
Das Pilotprojekt bis 2026
Der «Aufsuchende Dienst Forensic Nurses» läuft als dreijähriges Pilotprojekt bis Ende 2026. Er wird gemeinsam von der Gesundheitsdirektion, der Direktion der Justiz und des Innern sowie der Bildungsdirektion getragen. Nach der Evaluation soll das Angebot in die Regelstrukturen überführt werden.
Ausbildung und Vernetzung
Am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich wird seit 2015 der CAS (Certificate of Advanced Studies) in Forensic Nursing angeboten. Über 50 Pflegefachpersonen haben diesen Studiengang in Zürich bereits abgeschlossen. Die Ausbildung vermittelt fundierte Kenntnisse in klinisch-forensischer Untersuchung, Betreuung nach interpersoneller Gewalt sowie rechtliche und ethische Aspekte.
Kontakt
Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich
Winterthurerstrasse 190/Y52, 8057 Zürich
Tel.: 0800 09 09 09 (24/7 Hotline)
E-Mail: forensicnurse@irm.uzh.ch
Das «Zürcher Modell» zeigt, wie spezialisierte Fachkräfte den Opferschutz verbessern und Betroffenen niederschwellig professionelle Unterstützung bieten können – unabhängig von Geschlecht, Alter oder einer Polizeianzeige.