Es war im Jahr 2007. Eine Freundin meiner Mutter rief an. Sie war Journalistin beim Landboten. Sie wusste, dass sowohl meine zwei Schwestern als auch ich beim damaligen Pfarrer der Stadtkirche Winterthur den Konfirmationsunterricht besucht hatten. Es stünden Vorwürfe wegen sexuellem Missbrauch gegen eben diesen Pfarrer im Raum, ob wir vielleicht von Opfern wüssten. Meine Schwester sagte: «Ich bin eines.»

Ein Schock. Für meine Eltern und mich brach eine Welt zusammen. Der Pfarrer, den wir alle schätzten? Und warum hatte Tanja nie etwas gesagt? Jetzt erfuhren wir: Der Übergriff lag mehr als zehn Jahre zurück. Meine Schwester war 17 oder 18 Jahre alt, sang im Chor und war Teil eines Projektes der Stadtkirche. Sie war mit dem Stadtpfarrer in der Altstadt unterwegs, als es zu regnen begann. «Komm, lass uns in die Kirche gehen, um einen Schirm zu holen», sagte der Pfarrer, hakte bei meiner Schwester unter.

Kaum standen die beiden in der Kirche, drückte der Pfarrer meine Schwester an die Wand, begann sie gegen ihren Willen zu küssen, deutlich spürte sie, wie er seinen erigierten Penis an sie drückte. Sie stiess ihn weg und rannte panisch aus der Kirche. Erst all die Jahre später erfuhren wir, warum meine Schwester geschwiegen hatte: Sie hatte sich selbst Vorwürfe gemacht, weil sie den Pfarrer in die Kirche begleitet hatte. Sie gab sich selbst die Schuld… Meine Eltern fühlten sich hilflos. Meine Mutter ging zur Stadtpolizei und fragte, ob sie eine Anzeige machen könne. Dort verwies man sie an den Kirchenrat. Mein Vater trat sofort aus der Kirche aus. Sehr schnell wurde klar: Niemand würde meiner Schwester glauben. Der Pfarrer war ein Star. Unantastbar. Das zeigte sich in den Leserbriefen zum Artikel im Landboten, in den Stimmen aus dem musikalischen Umfeld meiner Schwester und in meinem privaten Umfeld. Als ich meinem damaligen Chef von meiner Schwester erzählte, meinte er, das kann doch nicht sein, sie müsse sich etwas zusammengesponnen haben. Der Pfarrer kündigte die Stelle. Er wolle vor seiner Pensionierung noch etwas anderes machen. Die Vorwürfe bestritt er vehement. Meine Eltern und meine Schwester beschlossen, die Sache ruhen zu lassen. Dieser Medienartikel musste genügen, die Aussicht auf öffentliche Anfeindungen machten uns allen Angst.

«Warum hat niemand etwas unternommen?»

Die Jahre zogen ins Land, über den Übergriff sprachen wir nicht mehr. Bis meine Schwester vor drei Jahren die Diagnose Krebs bekam. Ein bösartiger Hirntumor, mit 47 Jahren und zwei Kindern. Die Prognose war vernichtend, meine Schwester wusste, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hatte. Und plötzlich war dieser Übergriff wieder da. «Warum hat mir niemand geglaubt?», fragte meine Schwester immer und immer wieder. «Warum hat mir niemand geglaubt?» Das hat sie in ihren letzten Wochen auf dieser Welt unglaublich gestresst. «Warum hat niemand etwas unternommen?» Ihr Tod und dass sie das so mitnehmen musste, hat mich als Schwester unglaublich traurig und betroffen gemacht. Das kann es doch nicht sein. Ich denke heute auch darüber nach, ob es damals klug war, öffentlich darüber zu sprechen. Diese Reaktionen des Umfeldes waren vielleicht schlimmer als der Übergriff selbst. Eine junge Seele wie Tanja, die so einen Vertrauensmissbrauch erleben musste – in einem Gotteshaus, von einem sogenannten Mann Gottes. Krass.

Ich wünsche mir für meine Schwester, meine Eltern und mich, dass es eine öffentliche Entschuldigung der Kirche gibt. Gerade für all die Leute, die bis heute zum Täter halten. Die sich nie gefragt haben, was sie den Opfern antun, wenn sie sie der Lüge bezichtigen – Sozialtätige, Kulturschaffende, Politikerinnen. Und ich würde mir wünschen, dass der ehemalige Stadtpfarrer erfährt, was diese wenigen Minuten, in der er seine Opfer gequält hat, für Auswirkungen auf deren Leben hatten.