Die Musikfestwochen sind der einzige Ort, an dem ich weiss, dass ich eine Person sehen werde, die ich nie mehr sehen will. Er war einer meiner vertrautesten Personen und gehörte zu meinem engsten Freundeskreis. Das dachte ich damals zumindest. Nach jahrelanger therapeutischer Begleitung und viel Reflexion weiss ich, dass ich von ihm über mehrere Jahre zuerst psychisch danach auch physisch missbraucht wurde. Die MFW waren einmal ein fröhlicher Ort für mich, durch ihn wurden sie in den letzten Jahren zu einer Herausforderung und einem Minenfeld voller Trigger.

2022 sagte er, er hätte keine Energie für Menschen an den Musikfestwochen, also liess ich ihn in Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch eng befreundet, deswegen war ich gekränkt, als ich sah, wie er für andere Menschen Energie hatte.

An den Musikfestwochen 2023 hatten wir schon keinen Kontakt mehr. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fühlte ich Panik in meinem Körper und empfand Ekel. Ich wich ihm einfach aus. Meinem Freundeskreis hatte ich Angst zu erzählen, was seine Präsenz mit mir macht. Denn es war auch sein Freundeskreis. Und das, was ich erzählte, stiess auf wenig Verständnis. Es gab nicht das eine schlimme Ereignis, es waren viele kleine Ereignisse. Das macht es schwierig zu erklären und greifbar zu machen.

Im Jahr 2024 entschied ich für mich, dass ich mich versöhne. Es war keine Aufarbeitung, kein Gespräch, schlicht eine Entscheidung, damit mein Leben wieder einfacher wurde. So waren auch die Musikfestwochen kein Problem. Ich konnte ihm begegnen.

Das Jahr darauf sah jedoch ganz anders aus. Mir wurden die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung bewusst. Zusammen mit einem Therapeuten, begann ich die Freundschaft aufzuarbeiten. Mitten in dieser Aufarbeitung war die MFW 2025 und dementsprechend schwierig. Ich ging nie allein an die Konzerte. Immer waren Menschen dabei, die die Geschichte kannten und mich vor Blickkontakt schützen konnten. Insgesamt sah ich ihn dreimal und jedes Mal war mein Körper wie eingefroren. In meinem ganzen Körper kribbelte es, gleichzeitig hatte ich ein Taubheitsgefühl, wie kurz vor einer Ohnmacht. Insgesamt war es deswegen weniger Festival-Stimmung, sondern mehr Konfrontations-Therapie für mich.

Für die MFW im Jahr 2026 habe ich mich bewusst vorbereitet. In der Therapie habe ich geübt, wie ich ihn wegschicken kann, falls er zu mir kommt. Das passierte zwar nie, aber die Übung gab mir Sicherheit. Ich lief bewusst an ihm vorbei, um mir zu beweisen «die Musikfestwochen nimmst du mir nicht.»