Meine Geschichte spielte am Albanifest. Ich war 16. Mit Feundinnen schlenderten wir durch das Gedränge im oberen Graben. Unser Ziel war die nächste Achterbahn. Bei einem der Stände traf ich auf einen Bekannten. Er war 5 Jahre älter als ich und arbeitete im Geschäft meines Vaters. Ich kannte ihn von klein auf.

Wir plauderten kurz miteinander und in der nächsten Sekunde fand ich mich zwischen den Wagen der Stände wieder. In meiner Erinnerung war es dort dunkel, eine unbeleuchtete Ecke, die Leute schlenderten im Hintergrund vorbei, niemand beachtete uns. Er drückte mich gegen die Wand des Wagens und flüsterte mir ins Ohr «seisch denn dim Papi nüt, gäll». In diesem Moment ergriff mich die Panik und ich schaffte es, mich loszureissen und zurück in die Menschenmenge zu flüchten. Ich fand meine Freundinnen wieder und tat so, als wäre nichts passiert.

Zuhause brauchte ich eine Woche Zeit, bis ich meinen ganzen Mut zusammennehmen und meinen Eltern davon berichten konnte. Meine Mutter sagte «Oh, das ist nicht gut». Mein Vater sagte nichts. Es kam keine weitere Reaktion. Keine Umarmung, kein «das tut mir leid», keine Wut auf den Täter, nichts.

Und wisst ihr was? DAS war für mich das allerschlimmste an der ganzen Geschichte! In meiner Vorstellung erwartete ich eine emotionale Reaktion, dass man mir glaubt, mich ernst nimmt und dem Typen kündigt. Stattdessen ist nichts passiert. Er arbeitete weiterhin im Geschäft meines Vaters und unfreiwillig musste ich ihm immer wieder über den Weg laufen. Jedes Mal packte mich die Angst. Anfangs habe ich noch so getan, als wäre nichts. Habe ihn jedes Mal freundlich angelächelt. Mittlerweile warnen mich mein Mann oder meine Schwester vor, wenn sie ihn sehen, damit ich den Ort verlassen kann. Ich habe übrigens erfahren, dass er in der Zwischenzeit bereits einmal im Gefängnis sass wegen häuslicher Gewalt an seiner Freundin.

Was soll ich sagen? Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht. Was ich für mich behalte? Ich glaube meinen Kindern! Ich bin emotional verfügbar, wenn ihnen etwas zustösst und setze mich aktiv für sie ein. Ich gehe mit Plakaten an den Frauenstreik. Die Scham muss die Seite wechseln und wir müssen den Täter nicht freundlich anlächeln, nur weil wir nicht ernst genommen werden.