Und da war er wieder, dieser Gedanke: «Zum Glück bin ich schon alt.» Und hinterher die Scham, die mich beschleicht, wenn ich mir dessen gewahr werde, wie unsolidarisch der Gedanke ist. «Zum Glück bin ich schon alt, mögen sich die jungen Frauen mit Anmache, Sprüchen, Umwegen herumschlagen, ich bin raus aus der Geschichte.»

Doch der Gedanke ist da, drängt sich in den Vordergrund, wenn ich am Busbahnhof sitze, wartend auf das Display des Smartphones starre, obwohl es dort nichts zu lesen gibt, denn die Sinne sondieren die Umgebung, checken die Bewegungen von als cis männlich gelesenen Personen, weil der Körper gelernt hat, den Raum nie ganz unbewacht zu lassen.

Ich wohne noch nicht so lange in Winterthur und fühle mich im Grunde sicher, doch natürlich kenne auch ich Grenzüberschreitungen und die internalisierte Scham, selbst dafür verantwortlich zu sein. Natürlich kenne ich die ganzen Strategien, die wir uns als junge Frauen angeeignet haben wie Umwege zu gehen, dunkle Orte zu meiden, in der Mitte der Strasse zu laufen, aufrecht entschlossenen Schrittes zu gehen, den Schlüssel fest in der Hand zu halten, Taxis zu meiden, weil auch sie kein sicherer Ort sind, wie ich selbst erlebt habe.

Und – natürlich – bin ich nicht raus aus der Geschichte. Weil ich bis heute solche Strategien anwende. Weil ich mich eben nicht sicher fühle. Weil die Freiheit eine vermeintliche ist, wenn sie erst dort beginnt, wo der patriarchale Blick weiterzieht. Weil Solidarität nicht bedeutet, frei von solchen Gedanken zu sein, sondern sie nicht unwidersprochen in sich wohnen zu lassen.