Er ist halt so, wenn er trinkt.
Mit 16 nahm mich eine Freundin mit an die Töss zum Grillieren. Wir waren eine ganze Gruppe Gleichaltriger und hatten es recht lustig. Am späteren Abend küsste mich einer der jungen Männer. Das war recht aufregend für mich, etwas vom Ersten, das ich in diese Richtung erlebt habe. Wir zogen weiter und irgendwann landeten wir in der Wohnung einer Freundin. Sie hatte sturmfrei.
Ich habe damals nicht ganz verstanden, worauf das hinauslaufen könnte. Nicht einmal, als mir ein Freund zwei Kondome entgegenstreckte und vor meinen Augen ein Loch in eines machte. Aus Unsicherheit und Überforderung nahm ich das Unversehrte. Es waren nicht nur negative Gefühle – ich war auch aufgeregt. Sobald wir im Zimmer waren, begann der junge Mann, mich auszuziehen. Für ihn war klar, was jetzt geschehen würde. Ich lag einfach da. Ich habe nicht Nein gesagt, aber ich habe auch nicht mitgemacht. Irgendwann fragte er mich, was ich da mache, fuhr aber einfach fort. Das war mein erstes Mal, oder wie ich es heute sagen würde: mein erster sexueller Missbrauch.
Ich war ganz einfach überfordert und dachte, das müsse wahrscheinlich so sein. Was mich wirklich verletzt hat, waren die Reaktionen in meinem Freundeskreis. Ich erfuhr, dass man über mich redete – ich sei leicht zu haben, gehe mit Männern ins Bett, die ich nicht mal kenne. Das hat mich sehr irritiert, da ich meinen Freundeskreis bis dahin als sehr liberal erlebt hatte. Das war wahrscheinlich sogar mit ein Grund, warum ich dachte, es gehöre dazu, in sexuellen Dingen unkompliziert zu sein. Für den jungen Mann war es wohl einfach ein unbedeutender One-Night-Stand. Er hat sich nachher nicht um Kontakt bemüht.
Ungefähr sieben Jahre später habe ich an einer Geburtstagsparty in Zürich jemanden kennengelernt. Wir redeten den ganzen Abend. Es war schon spät, als die Freundin, die mich eingeladen hatte, diesen jungen Mann bat, mich zum Bahnhof zu begleiten.
Er war lustig, aber schon recht betrunken. Auf dem Weg rempelte er mich immer wieder an. Es fühlte sich komisch an, nicht mehr lustig, eher aggressiv. Ich verdrängte meine Wahrnehmung. Irgendwann sagte er: «Wir sind bald da, lass uns hier warten, bis dein Zug fährt.» Wir setzten uns auf eine Treppe, die zu einem Wohnhaus führte. Ohne Vorankündigung packte er mich am Nacken, begann mich zu küssen und biss mir dabei in die Lippen. Er griff unter mein T-Shirt und versuchte, mich auszuziehen. Ich drückte ihn weg und er hörte zum Glück auf, stand auf und verschwand.
Am nächsten Morgen hatte ich blaue Flecken an den Handgelenken und aufgesprungene Lippen. Ich konnte es kaum fassen, was da passiert war. Die Verletzungen waren mein Beweis, dass ich mir nichts einbildete. Auf die Idee, Anzeige zu erstatten, bin ich gar nicht gekommen. Ich war einfach froh, dass es vorbei war, und ich fühlte mich schuldig. War ich zu flirty? Später schrieb mir der Typ und entschuldigte sich. Er spüre schon länger, dass mit ihm etwas nicht stimme. Er wolle daran arbeiten. Ob er es gemacht hat, weiss ich nicht.
Ich begann, mich mit Feminismus auseinanderzusetzen, mit sexueller Gewalt, tauschte mich mit anderen Frauen aus. Ich fand auch neue Freunde in Winterthur und begann hier, in den Ausgang zu gehen. Nach Zürich wollte ich nicht mehr, einfach um nicht mit dem Zug heimzumüssen oder spätnachts allein durch die Unterführung laufen zu müssen. In Winti konnte ich mit dem Velo heim, wann ich wollte. Leider schützte mich auch das nicht ganz.
Es war an einer queeren Party im Kraftfeld. Das passte für mich, da ich mich selbst gerade ein wenig am Finden war. Als ich ankam, war ich recht perplex, wie viele Männer da waren – solche, von denen ich wusste, dass sie nicht queer waren. Aber ich kannte die meisten, also störte es mich nicht. Ich tanzte mit einem Mann aus meinem erweiterten Freundeskreis. Er begann, immer enger mit mir zu tanzen und mir anzügliche Dinge ins Ohr zu flüstern. Ich wehrte mich und bat ihn, eine Armlänge Abstand zu halten. Er machte mit, nahm aber plötzlich meine Hand und begann sie zu küssen. Jemand vom Awareness-Team kam und fragte mich, ob alles okay sei. Man sah mir wohl an, dass ich mich nicht wohl fühlte. Trotzdem nickte ich und sagte, es sei alles okay, er sei ein Bekannter.
Als ich später in meinem notabene linken, sehr awaren Freundeskreis darüber sprach, kam sofort die Entschuldigung: Er sei halt so, wenn er getrunken habe. Das hat mich dann schon erstaunt. Ich liess nicht locker und suchte mehrfach das Gespräch mit ihm und Freund:innen. Ich bin sehr glücklich, dass wir es besprechen und lösen konnten. Ich fühle mich heute wieder sicher im Ausgang und im Kontakt mit ihm.
Wenn ich mich frage, warum ich manchmal länger in einer Situation bleibe, in der es mir nicht wohl ist, dann kommt sofort dieses Gefühl der Lähmung auf. Dieses Sich-nicht-bewegen-Können, nicht reagieren. Geschieht etwas Ungutes im Freundes- und Bekanntenkreis, ist es aus anderen Gründen nicht einfach, sich zu wehren. Niemand möchte als schwierig oder zickig gelten. Auch darum bin ich froh und ein wenig stolz, dass ich in dieser Situation so deutlich klargemacht habe, dass es so nicht geht und ich Unterstützung und Verständnis fand.