Wer wir sind
Tanja Polli, Journalistin
Ich war 25 Jahre alt, junge Journalistin in Winterthur. Der Mann, der sexuell übergriffig wurde, war ein beliebter Stadtpfarrer. Ich bin heute 56 Jahre alt. Ich habe versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Obwohl rasch klar war, dass es viele Opfer gab, schützt die Kirche den Täter bis heute. Letztes Jahr erzählte mir meine Arbeitskollegin Angelika Schmidlin von ihrer Schwester. Sie hiess Tanja wie ich und war kürzlich an einem Hirntumor verstorben. Auf dem Sterbebett hatte sie vom Übergriff desselben Pfarrers gesprochen. Sie war 18 Jahre alt, als sie den Missbrauch erleben musste. Seither spreche ich mit Frauen, queeren Personen und Männern über meine Erfahrung und realisiere: Kein Treffen unter Freundinnen, Bekannten, an dem nicht mindestens eine Geschichte eines Übergriffs zum Vorschein kommt. Wie sicher fühlt ihr euch in Winterthur? Meidet ihr gewisse Orte? Geht ihr nur mit Pfefferspray aus dem Haus?
Wir müssen darüber sprechen, uns treffen, uns stärken, uns wehren.
Heute bin ich freie Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Ich möchte mit meiner Arbeit jenen Menschen eine Stimme verleihen, die nicht gehört werden oder deren Leben keinen Raum lässt, sich Gehör zu verschaffen. Ich habe unter anderem Bücher über Transpersonen, über Sans-Papiers in der Schweiz geschrieben, eines über Menschen am Rande in Winterthur, der Kurzfilm «Transcending Borders» ermöglicht Einblicke in die Leben von Schwarzarbeiter:innen in der Schweiz.
Anna Berger, Journalistin und Velokurierin
Ich stand auf der Rolltreppe im Stadttor am Bahnhof Winterthur als ein Mann an mir vorbeilief und seine Finger durch die Hose in meine Vulva zu pressen versuchte, so hart es ging. Ich war 10 Jahre alt. Ich verstand noch nicht, was passierte. Merkte aber, dass sich etwas nicht richtig anfühlte. Ich erstarrte, schaute umher, niemand hatte etwas bemerkt. Ich habe dieses Erlebnis nie jemandem erzählt – aus Scham.
Es war die erste Etappe aus einer Reihe von sexuellen Übergriffen, wie es wohl im Leben der meisten Finta-Personen der Fall ist. Mit 16 hörte ein paar Jahre älterer Mann ausserhalb des Clubs nicht auf mich zu küssen, bis ich schrie. Im Hostal in Costa Rica legte sich einer in mein Bett und befummelte mich, auch als ich ihn wiederholt aus dem Bett warf und um Hilfe bat, reagierten die zwei anderen Männer im Mehrbettzimmer nicht. Die Liste ist lang – und dass ich (bis jetzt) immer einigermassen davongekommen bin, pures Glück.
Mittlerweile bin ich 36 Jahre alt, Journalistin, Velokurierin, Kreativschaffende und Pflanzenliebhaberin. Und ich will mit dieser Plattform zeigen, dass die oben beschriebenen Vorfälle (auch) in Winterthur Alltag sind. Sie treffen unsere Nachbarinnen, unsere Mitarbeiterinnen, unsere Schuhverkäuferinnen, unsere Lehrerinnen, unsere Schwestern. Damit soll endlich Schluss sein. Wir erheben unsere Stimmen. Genug ist genug.
Viviane Jucker, Fotografin
Ich bin 24 Jahre alt und auf dem Land aufgewachsen. Heute lebe und arbeite ich in der COALMINE in Winterthur. Ich male, stelle Silberschmuck her und fotografiere. Zurzeit absolviere ich das Propädeutikum an der ZHDK.
Mit meinen Bildern möchte ich den Alltag verschiedenster Menschen einfangen. Am liebsten fotografiere ich ohne Ankündigung, weil ich so echte Emotionen festhalten kann. Ich arbeite am liebsten analog und in Schwarzweiss – für mich verleiht das den Emotionen mehr Ausdruck und Stärke.
Ruth Loosli, Autorin
Ich bin 66 Jahre alt und schreibe, weil ich fest daran glaube, dass Dichtung die Welt retten kann – manchmal jedenfalls. Das wusste ich schon mit sieben, als ich im Berner Seeland einem Feldweg entlanglief und mir laut vorlas. Heute bin ich älter, staune aber noch immer über die Welt – und schreibe weiter, unaufhaltsam wie ein Tiger aus dem Busch.
2018 erhielt ich dafür die goldene Feder des Kulturmagazins Coucou in der Sparte «schreibende Gans». 2019 erschien mein dritter Lyrikband «Hungrige Tastatur» im Waldgutverlag, 2021 folgte mein erster Roman «Mojas Stimmen» im Caracol-Verlag. Für den Lyrikband «Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe» erhielt ich 2023 einen Anerkennungspreis der Stadt Zürich; vielleicht auch, weil ich in diesem Jahr für «Zürich liest» mit einem Schriftbild das Plakat gestalten durfte.